
Körper und Psyche
Chronischer Schmerz
Schmerz
Schmerz ist eine sehr unangenehme Wahrnehmung, bei der Körper und Psyche eng miteinander verbunden sind. Schmerz hat für uns Menschen
Alarmcharakter, d.h. wenn wir Schmerzen wahrnehmen, bemühen wir uns sofort, die Ursache zu finden und den Schmerz
zu lindern. In der Schweiz leiden ca. eine Million Menschen unter
chronischen Schmerzen. Der meistbetroffene Körperteil ist der Rücken.
Die Person klagt über Schmerzen an einer oder mehreren Stellen des Körpers.
Psychische Faktoren spielen eine wichtige Rolle für den Beginn, den Schweregrad, die Zunahme oder die Aufrechterhaltung der Schmerzen.
Die Schmerzen sind weder vorgetäuscht noch absichtlich erzeugt.
Chronische Schmerzen entstehen nicht, weil der Betroffene etwas falsch
gemacht hat. Er ist nicht Schuld an den Schmerzen und bildet sie sich auch
nicht ein. Mit der Zeit haben sich aber verschiedene körperliche und psychische Lernprozesse verfestigt, und
es hat sich ein Schmerzgedächtnis
gebildet.
Was hat Schmerz mit der Psyche zu tun?
Die Ausmass von Schmerzen wird im limbischen System, einer Region des
Gehirns, verarbeitet. In der gleichen Region befindet sich auch das Zentrum der
Gefühle. Gefühle spielen bei der Schmerzwahrnehmung und ihrer Intensität eine wichtige Rolle.
Beispiel: Ein Mensch leidet nach einem unverschuldeten Unfall unter starken Schmerzen.
Der Unfallverursacher hat sich nie bei ihm gemeldet. Dieser Mensch kann in
Momenten,
in denen er negative Gefühle wie Ärger, Enttäuschung, Wut usw. empfindet,
Schmerzen weniger gut regulieren und wird sie als stärker wahrnehmen als
jemand, der seine Schmerzen
durch eigenes Verschulden
verursacht hat.
Was ist ein Schmerzgedächtnis?
Eine körperliche Reizung (z.B. eine Verletzung) wird durch Botenstoffe in den
Nervenbahnen an das Gehirn geleitet. Dort wird die Reizung als eigentlicher Schmerz
wahrgenommen. Hält ein Schmerz über längere Zeit an, bildet sich im
Gehirn ein sogenanntes Schmerzgedächtnis. Als Folge ist immer
weniger körperliche Reizintensität nörig, um die Schmerz-Zellen zu
aktivieren und dem Menschen Schmerz zu melden. Dieser Prozess,
Sensitivierung genannt, setzt neue
Gedächtnisspuren in den Zellen, im Rückenmark und in bestimmten Teilen des
Gehirns. Diese Sensitivierung ist vergleichbar mit einer Alarmanlage, die sich nach einigen Monaten nicht mehr nur
bei sich nähernden
Menschen einschaltet, sondern bereits Alarm schlägt, wenn eine Katze
vorbeigeht oder ein starker Wind weht. Wenn sich das Gerät immer mehr in seiner
Reizempfindlichkeit verstärkt, wird der Alarm zuletzt schon durch ein
vorbeifliegendes Insekt und schliesslich ohne jeglichen Auslöser aktiviert.
Der Teufelskreis
der Teufelskreis beginnt damit, dass sich das Denken des Betroffenen mehr und mehr auf die Schmerzen konzentriert. Die Folge sind negative Gefühle wie Angst, Ärger, Enttäuschung etc. Diese Gefühle fördern noch mehr die Aufmerksamkeit auf den Körper und den als unbeeinflussbar wahrgenommen Schmerz, was wiederum Gefühle der Hilflosigkeit und Verzweiflung verstärkt. Und diese verstärken ihrerseits erneut die Schmerzwahrnehmung, und so fort.
Neu gelernte, ungünstige
Verhaltensweisen, z.B. :
Körperstellungen, die vermehrt schmerzen, werden vermieden oder geschont. Dadurch entstehen Muskelspannungsveränderungen, die wiederum schmerzen können.
Aktivitäten, die Schmerz bereiten, werden frühzeitig vermieden. Ein
Schonkreislauf beginnt, der die betroffene Person immer mehr in ihren
Bewegungen einschränkt und auch räumlich isolieren kann
Angst und Schmerz-Teufelskreis:
Der Schmerz führt zu Spannungen; diese erhöhen das Stressniveau und
können Angst- und andere negativen Gefühle auslösen. Diese erhöhen wiederum die
Schmerzwahrnehmung.
Die Verhaltenstherapie bei Chronischen Schmerzen
Folgende Ziele werden zusammen mit dem Betroffenen angegangen:
Durchbrechung des erwähnten Teufelskreises.
Abbau von Schmerzverhalten, das zu weiteren Verspannungen und zu Inaktivität führen kann.
Erlernen von Ablenkungsverfahren: Konzentration auf andere Aktivitäten. Dies
muss man zuerst wieder lernen, da sich die Aufmerksamkeit und die
Konzentration bei chronischen Schmerzen automatisch immer wieder auf die
Schmerzen richtet.
Aufbau oder Wiederaufnahme von Aktivitäten:
Falls ärztlich keine Vorbehalte bestehen, sollte man wieder lernen,
frühere
Aktivitäten aufzunehmen, auch wenn die Schmerzen da sind.
Medikamentenreduktion: Sofern mit dem Arzt abgesprochen und möglich, Medikamente nach einem festgesetzten Plan und so wenig wie möglich frei nach Bedarf einnehmen.
Reduktion von alternativen/passiven Therapieangeboten: Sich selber langsam aus der Rolle als Patient befreien. Arztbesuche nur wenn nötig und abgesprochen. Therapien vermehrt nur solche, in denen eigenes Handeln gegen den Schmerz erlernt und gestärkt wird. Therapien, die den Betroffenen passiv 'heilen' und bei denen die positive Wirkung jeweils nur Stunden anhält, nach Möglchkeitvermeiden, da sie die Rolle als passiv erduldenden Patienten fördern.
Reduktion des
schmerzbedingten Stresses: Erlernen von gedanklichen und
äusseren Ablenkungsaktivitäten, um die Ausschüttung von Stresshormonen im
Körper einzuschränken.
Kontrolle über den Schmerz zurückgewinnen: Selbstwirksamkeit erlernen. „Ich
kann zwar den Schmerz nicht ändern, ich kann aber immer wieder
versuchen, mein Leben trotzdem sinnvoll und positiv anzugehen!“.
Vereinigung Schweizer Schmerzpatienten
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